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Deutschland - Deine Datensicherheit, Deine Gleichgültigkeit

Sascha Lobo hat nicht nur einen einprägsamen Namen, sondern neben einem Job beim SPIEGEL auch einen veritablen Anfall heftigeren Brechreizes in Bezug auf die Ausspähaffäre.

Es ekele ihn geradezu, so schreibt er in seiner Kolumne, beim Gedanken an unsere Bundeskanzlerin und unseren Innenminister und es habe einen Weg quer durch die Welt unangenehmer Gefühle gebraucht, dorthin zu kommen. Die verlogene und zumindest vorgebliche kenntnislose Tatenlosigkeit, die regelrecht dummen Auslassungen der beiden Genannten wären es, die ihn zum Brechen reizen.

Aber er spricht auch von seiner Irritation, die er ob der seltsamen Gleichgültigkeit verspürt, eine Irritation, für die Eric T. Hansen in seinem Gastbeitrag in DIE ZEIT (online lesbar) eine regelrecht niederschmetternde, wenn auch leicht nachvollziehbare und zynische Erklärung findet: die ganze Aufregung um die Spähaffäre ist nichts als "Sommerlochpolitik" und dient letztlich ausschließlich nur unserer Unterhaltung.

Und Hansen hat ja Recht ..... denn tatsächlich wird NICHTS passieren. Die Einschläferungsversuche, die Verzögerungstaktik und die Verneblungen seitens unserer Regierung werden natürlich Erfolg haben - wir wissen es alle.

Denn genau DAS ist es ja auch, was uns mit den Bürgern Ägyptens verbindet: eine ganz enorme, politische Ahnungslosigkeit, die uns zu blökenden Schafen macht. Nur wiegt sie in unserem Falle doppelt schwer und sollte uns peinlich sein - sie wäre es ja auch, wenn wir noch etwas merken würden. Die Ägypter sind bösartig von diversen Interessen verführt, aufgehetzt und ins Feuer geschickt worden - nur hatten sie von vornherein gar keine echte Chance. Ich habe ihre politischen Diskussionen anlässlich der Präsidentschaftswahl auf den Straßen persönlich erlebt. Ich war beeindruckt von ihrem Engagement, von ihrem Interesse, von den aufgekrempelten Hemdsärmeln im Kopf, von ihrem Enthusiasmus und geknickt, weil ich ihre unterschwellige Verzweiflung sah: sie wollten zwar, aber wussten und konnten nicht. Sie hatten keine Ahnung von "Demokratie" - für sie war sie nur die einzige Alternative zu schier endlosem Leid durch Entmündigung und Unterdrückung. Wir dagegen verschlampen unsere Demokratie durch Faulheit, Dummheit, Ignoranz und Desinteresse.

Tatsache ist doch, dass es uns tatsächlich überhaupt nicht interessiert, ob und welche Grundrechte im Hintergrund geradezu bergmännisch abgebaut und auf dem Müllhaufen der Geschichte klammheimlich entsorgt werden. Es juckt uns nicht im Geringsten.

 

Merkel und Friedrich ist nichts peinlich, sie wittern weder eine persönliche, noch eine politische Gefahr. Sie wissen ganz genau, dass sie sich auf die Bräsigkeit und Selbstverliebtheit der Deutschen, deren Interesse sich keinen Zentimeter jenseits von Schalke, Mallorca, Nike, Dolce & Gabbana und Vuitton hinausbewegt, absolut verlassen können.

Hansen hat Recht: das Sommertheater wird weiter- und eines nicht allzufernen Tages auch sang- wie klanglos zuende gehen. Merkel wird, ohne irgendetwas getan oder gesagt zu haben, die nächste Wahl natürlich auch wieder gewinnen und milde lächeln.

Wie immer.

24.7.13 11:32


Deutschland - Adieu, Demokratie, bonjour Tristesse!

Als pickeliger Sechzehnjähriger hatte ich das Glück, einen älteren und erzkonservativen, allerdings von Grund auf überzeugten und geradezu begeisterten Demokraten zum Sozialkundelehrer zu haben. Uns beide trennte einiges, aber uns verband auch etwas: Angst.
Seine persönliche Besorgnis resultierte aus den für ihn offenbar traumatisierenden Erlebnissen aus der Nazi-Zeit nebst etlicher, wohl grässlicher Kriegserinnerungen und meine aus meiner Abstammung von einer väterlicherseits zur gleichen Zeit verfolgten Familie. Wir hatten beide Angst vor dem, was einmal war; er aufgrund eigener Erlebnisse, ich, weil ab und zu mein Vater nachts schweißgebadet und schreiend, manchmal weinend aufwachte. Und ich wusste, warum.
Der Lehrer und ich, wir rangen mit- und gegeneinander – unsere leidenschaftlichen Dispute, die er durchaus zuließ, waren noch lange Legende und Anekdote an der Schule; viele Jahre nach meinem Abschied erfuhr ich, dass er noch immer Tonbandmitschnitte davon in seine Unterrichtsstunden einfließen ließ (er hatte zuvor meine Erlaubnis eingeholt). Es brauchte lange, bis ich mein beinah automatisches Misstrauen gegen ihn als Deutschen, als älteren Deutschen fallenlassen und annehmen konnte, dass er einer von wenigen war, die tatsächlich etwas verstanden hatten und der nicht weniger Angst hatte als ich.
Er hatte es tatsächlich geschafft: ich verließ die Schule als grundüberzeugter, liberaler Demokrat – der ich heute noch bin, beinahe unverändert.
Gerade in den letzten Tagen jedoch häufen sich für mich Ereignisse auf der Weltbühne, die mich an der Demokratie als solcher letztlich stark zweifeln lassen; Personenkulte kommen auf, die es in einer wahrhaft funktionierenden Demokratie nicht geben sollte – nein, nicht geben darf. Hinzu kommt die fatale Erfahrung, dass die mit der Demokratie einhergehenden Ziele wohl mit dieser Menschheit nicht zu erreichen sind, denn dieses Gesellschaftssystem braucht etwas, was es nicht bekommt: Zuwendung.
Letztlich sind wir alle daran schuld, dass wir unsere Demokratie, die ein politisch beinah heiliges Ziel sein sollte, selber demontieren. Und ich spreche ganz bewusst von „Schuld“, denn diese laden wir uns auf. Wir erreichen in Deutschland Wahlbeteiligungen von kaum mehr als vielleicht einmal siebzig Prozent und wenn wir nachrechnen, wobei wir ungefähr die Hälfte des deutschen Volkes wegen Minderjährigkeit oder Behinderung in Abzug bringen müssen, wählen nur noch etwa 30 Millionen Deutsche, die das Leben von über 80 Millionen Menschen grundlegend bestimmen. Hiervon aber sind m.E. noch mindestens (!) zehn Prozent abzuziehen; dies sind Wähler, die sich für Politik zwar überhaupt nicht interessieren und auch gründlich inkompetent sind, aber dennoch aufgrund eines schlechten Gewissens dem Staat, dem Land und seiner Menschen gegenüber wenigstens noch ein Kreuzchen malen wollen.
Zugegeben: Demokratie ist nicht lustig. Sie ist kein Spiel. Sie ist keinerlei Kurzweil und sie ist weder trendy noch stylish. Sie ist ernst, sie ist schwierig, sie verfügt über tausend mal tausend Facetten, Namen, Textseiten, Probleme und Programme. Sie verlangt unsere Hinwendung, unsere Aufmerksamkeit und sie zwingt uns, auf einen Teil angenehmer Freizeit zu verzichten um sie in Versammlungsräumen, auf Kundgebungen und allerlei Informationsveranstaltungen sonstiger Art zuzubringen. Ohne Bier. Ohne Würstchen. Ohne Musik.
Gut – ich habe häufig in meinem Leben Verantwortung für das  Große und für das Ganze gesehen und latschte auf Demos, klebte Plakate, redete mir den Mund fusselig, saß aneinandergereiht wohl Wochen in verräucherten Hinterzimmern, Tische und Wände voll mit Gedanken, Programmen, Ideen, Plänen, besaß in Reihe mehr als ein Parteibuch und flüchtete als Unbeteiligter panisch vor Gewaltexzessen auf Demos vor Wasserwerfern, Autonomen, Backsteinen und Schlagstöcken. Aber so ist Demokratie eben: manchmal auch gefährlich. Dann verlangt sie neben Anstrengung eben auch Mut.
Dennoch entgleiten mir sämtliche meiner Kinder aus mir vollkommen unerfindlichen Gründen und, ehrlich gesagt auch zu meinem Entsetzen, tief hinein in eine apolitische Besinnungslosigkeit, die letztlich nur von Wohlleben und Konsum scheinbar angefüllt wird. Mehr als ein dutzendmal fragte ich mich, ob dies Kennzeichen eines normalen Abnabelungsprozesses sei, der sich in „automatischer“ Kritik am politisch empfindenden Elternhaus formuliert. Wir haben immer geredet zuhause; sehr oft raunten mir Freunde unserer Kinder Respekt und Bewunderung zu, weil es bei ihnen daheim nur schweigend oder schreiend, aber immer nur konsumfokussiert abging.
Aber ich werde an der Demokratie, wie sie unser Grundgesetz fordert, festhalten und ich drehe sie wie einen Spieß zum Angriff auf Lustlosigkeit, Ignoranz und Dummheit um: wer entscheiden und gefragt werden will, der hat sich zu interessieren und zu beteiligen. Der wird sich kompetent und ansprechbar machen müssen. Das verlangt dieses Land von uns.
Nach Umfragen aber würden sich 25 Prozent der deutschen Bürger über eine Diktatur freuen – Tendenz steigend. Ein Ergebnis, welches deprimiert und durch die Beobachtung, welche Hysterie die Geburt eines einzelnen Kindes im aufgeklärten Westen auslöst, nur noch schlimmer wird. An diesem Tag wurden allein in England womöglich tausend Kinder geboren, und einige von ihnen hätten sehr viel mehr Aufmerksamkeit Dritter gebraucht als dieses eine aus der ganzen Welt erhält. Wie kann das sein? Was ist dieser „Prinz“? Blutet er wirklich blau, wenn man ihn piekst? Kann er schon jetzt nackten Fußes über das Wasser wandeln? Schreibt er im Kindbett seine ersten, philosophischen Traktate? Was ist dieses Baby? Ist es mehr als ein neugeborenes und sofort altgewordenes Relikt aus vergangener Zeit? Spinnwebbehangen, vergreist, brutal, grausam und ignorant wie dutzende Königsdynastien vor ihm, und das sofort nach seiner Geburt?
Ich habe den Scheitelpunkt meiner politischen Überzeugungsbildung vermutlich überschritten – und als der starrsinnige Holzkopf, der ich bin, kann ich bis zu meinem Ableben von der Idee der Demokratie nicht mehr lassen. Mein Verstand sagt mir, dass Deutschland nichts mit der Demokratie anfangen kann und somit wohl einen König braucht, um wenigstens Begeisterung auf den Straßen zu erzeugen. Wir haben die Chance verspielt und es war eine wirklich historische Chance.
Wir können nicht Demokratie.
Wir können verstandesfreie Begeisterung, dies Volk kann unkritischen Gehorsam, es kann aufschauen, es kann Befehle annehmen und ausführen, es kann Menschen über sich erheben.
Aber Demokratie, die kann das deutsche Volk nicht.
23.7.13 11:07


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